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Terralith-Siderolith-Kratervase

Es ist nicht etwa die Form der Kratervase oder die dem Betrachter zugewandte Szene des Verkaufs der Liebesgötter, die beim ersten Blick Aufmerksamkeit erregen, sondern das rotbraun bemalte Material, in dem sie geformt ist. Es handelt sich hierbei um Terralith oder Siderolith. In einem 1857 verfassten Eintrag in den Mittheilungen auf dem Gebiete der Statistik lässt sich folgendes über diese im 19. Jahrhundert weit verbreitete Masse erfahren:

Unter diesen gleichbedeutenden Namen werden im nördlichen Böhmen Thonwaaren verfertigt, welche sich durch Farbe sowohl als durch den Firnissüberzug von allen übrigen Erdenwaren unterscheiden. Der ziemlich weisse, höchst plastische Thon von Preschkau bei Bilin, der auch sonst zur Verfertigung von Glashafen und feuerfesten Ziegeln sehr gesucht wird, bildet den Rohstoff für diese Industrie. Vorzugsweise werden Theegeschirre (fast ausschliessend für die Ausfuhr nach Grossbritannien), Schreibzeuge, verzierte Blumentöpfe, Pfeifen und die verschiedenartigen Nippsachen in dieser Thonmasse geformt, getrocknet und in gewöhnlichen Brennöfen scharf ausgebrannt. Farben und Bronze werden mit Bernsteinlack angemacht und zur Verdünnung Terpentin- oder Leinöhl verwendet; die Farben werden mit Pinseln auf die Waare aufgetragen und letztere nun in Muffeln einem schwachen Feuer ausgesetzt, welches eben nur die Verdünstung der den Farben und dem Lacke zugesetzten Oehle bezweckt, daher die Terralith-Waaren mit getrocknetem Firnissüberzuge aus dem Ofen kommen. Nicht so sehr das Materiale und dessen Beschaffenheit nach dem Brande, als vielmehr die Formerei und die gleichmässige Vertheilung der Farbe und des Lackes über alle Erhabenheiten und Vertiefungen der künstlerisch schönen Formen, wie solche nur durch Auftragung aus freier Hand mittelst Pinsel erzielt werden kann, sind es, welche dieser Gattung von Thonwaren ihren Werth verleihen. Dieselben reihen sich demnach unmittelbar an die Terracotta-Waaren, denen sie zufolge des Materiales und dessen Behandlung verwandt.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen war Böhmen das Zentrum der Terralith-Produktion. Dort wurden allein im Jahr 1856 laut besagter Statistik ganze 4.800 Zentner verarbeitet. Einer der wichtigsten Standorte war Teplitz (heute Teplice), wo der „privilegierte Dachziegelfabrikant“ Karl Huffzky (1793-1873) eine Fabrik unterhielt. Graf Franz von Thun und Hohenstein (1786-1873) bat diesen im Jahr 1829, eine weitere Fabrik in Bodenbach bei Tetschen (heute Děčín) aufzubauen, doch dazu kam es nicht. Stattdessen ging das Angebot an Wilhelm Schiller (* 1797) und Friedrich Gerbing (* 1798). Graf von Thun stellte ihnen ein Gebäude zur Verfügung, in dem bereits ein Jahr später die Produktion aufgenommen werden konnte. Ein Speditionsunternehmen besorgte den Vertrieb. Anfangs auf die Fertigung von Pfeifenköpfen für den Orient spezialisiert, erweiterte sich das Sortiment schon bald auf kunstgewerbliche Objekte. Die kunstsinnige Gattin des Grafen, Theresa Maria von Brühl (1784-1844), stellte Modelle zur Verfügung. 1831 wurden sie auf der Gewerbeausstellung in Prag bereits mit einer Silbermedaille ausgezeichnet. Eine weitere Fabrik in Hohenstein mit 20-30 Mitarbeitern deckte bald darauf den durch führende Handelshäuser kreierten, europaweiten Bedarf. Unter den Abnehmern war offensichtlich auch der in Staffordshire tätige Töpfer Enoch Wood (1759-1840), aus dessen Sammlung die Kratervase stammt. Er war selbst mit der Modellierung und Fertigung von Steingut befasst und womöglich an der beliebten Terralith-Ware interessiert.

Text: Alexander Röstel

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