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Zacharias Wagner: Insights from the Stannaki Forum

Zacharias Wagner d.J., Sklavenmarkt in Recife, Blatt 106 aus: Thier Buch, Brasilien, 1634-41, Kupferstich-Kabinett, SKD, Inv. Ca 226 © Kupferstich-Kabinett, SKD, Foto: Herbert Boswank

Zacharias Wagners Thier Buch, Brasilien, 1634-41

Wagner beginnt das Buch mit Abbildungen von 30 Meeresbewohnern, darunter 22 Fische sowie 5 Krebstiere und eine Muschel. Es folgen 18 Vogelarten, davon fünf als Paar, wiederum gefolgt von 19 essbaren Früchten und Nüssen, aber keinen Blumen oder Bäumen. Darauf folgen wiederum 21 Landtiere (darunter Säugetiere und Reptilien ohne erkennbare Ordnung), manchmal zwei verschiedene Ansichten desselben Tieres. Dann finden wir 28 Insekten (oft mehrere pro Blatt), 3 Echsen, 2 Schlangen und ein Frosch. Der letzte Teil besteht aus 4 de-individualisierten Darstellungen von Menschen, jeweils weiblich und männlich, mit ausführlichen Texten auf der gegenüberliegenden Seite, sowie 7 Szenen mit Menschen in einer Umgebung, von denen viele aus der Vogelperspektive dargestellt sind. Sie zeigen und beschreiben nacheinander eine Siedlung, eine Mühle, einen Tanz von Menschen in der Natur, das Tragen einer weißen Frau durch Schwarze Männer, ein Fest von Versklavten, einen Sklavenmarkt, das Anwesen von Moritz von Nassau, dem damaligen Kolonialgouverneur von Niederländisch-Brasilien, außerdem finden sich Konstruktionszeichnungen mit jeweils einer Beschreibung einer Zuckerfabrik, eines Kesselhauses sowie einen Stadtplan von Recife.

Text: Mailena Mallach.

 

Zacharias Wagners Beschreibung des Sklavenmarktes

"Oben bey der Figur eines Guineschen Mohrens, [Bl. 97] ist mit kurtzem gedacht worden, auff waß weise diese in Guinea undt Angola gefangen, undt an die unserigen verkaufft werden. Alhier habe ich durch diese geringe abbildung vorstellen wollen, wie dieselben in Brasil verführt, undt zum andern mahl verkaufft werden, undt geschieht also, wen ein Schiff in kurtzer zeit auß mehr erwehnten Landtschafften, glückich alhier in Pernambuco anlandet, so bringts zum wenigsten 300 Mohren mit, welche alßbaldt herauß genom[me]n auß [gemeint ans?] Landt gesetzt, undt auff etzliche tage, (biß der hierzu bestelte Marcktag komt,) in ein alt hauß getrieben werden. Wen nun der bestimbte tagk verschenen, so müßen diese arme halb von hunger undt durß[t] verschmachtete Menschen, wie die Schweine oder Schaffe auß den Ställen herfür kriechen, werden also eines nach den andern, (damit sie desto beßer können gezehlet werden) auff den Marckt geführet, alda sie von Portug. undt Niederlandischen Kauffleuthen hinten, undt vornen besichtiget werden, ob sie jung oder alt sindt, ob sie den Scharbuck, Franzoßen oder andere schwere zu fälle haben, ist dan einer der dieser 8. 10 oder mehr auß den hauffen gelesen, undt ohne gebrech befunden hat, der muß vor jedes stück, so wohl für einen jungen oder klein Megdlein von 6 od. 7 jahren, alß für ein alten Menschen über 200 Spanische Realen bezahlen, ieder drey groschen höher dan ein RThl [Reichsthaler] gerechnet, wollen ihrer aber etzeliche zusam men treten, undt über 40. 50 od 100. wie sie untereinander fürkommen daß loß werffen, so über kommen sie die beßers kauffs, undt bezahlen dieselben erst uber ein jahr hernach."

Transkription des Manuskriptes erstellt von Claudia Schnitzer.

Für weitere Informationen:
Claudia Schnitzer in: Connecting Worlds: Artists & Travel, hrsg. v.  Staatliche Kunstammlungen Dresden, Stephanie Buck und Anita V. Sganzerla Ausst.-Kat. Dresden, Kupferstich-Kabinett, London 2023, Kat.-Nr. 61.

 

 

Captured in Watercolour: the artist Mabe Bethônico reflects on Mercado de escravos no Recife (1634-1641) by Zacharias Wagner

The “Thier Buch" by Zacharias Wagner is a sketchbook containing notes and drawings from his travels to colonial Brazil between 1634 and 1641. Within its pages, watercolor illustrations of animals and plants showcase beautiful forms that were considered “exotic” and largely unfamiliar to the European eye, and which could potentially be marketable products for his audience in Amsterdam, Leipzig or Dresden. However, in the closing pages of the book, Wagner also depicts human figures as “habitants of Brazil”, – indigenous people and Africans, who within the utilitarian context of the sketchbook, also appear as commodities. Interestingly, he does not consider the Europeans, at this moment clearly inhabiting and occupying the land. Most notably, an image of a slave market in Recife at the northern Atlantic coast of Brazil emerges, portraying a social scene replete with intricate details. This image raises numerous questions.

In the corners of a large courtyard surrounded by buildings, an agglomerated massive group of people rests pressed against the walls, mostly sitting down. They are almost indiscernible dark naked bodies, recognizable as individuals only upon close inspection. They are close together, as if one is hiding behind the other, conveying a sense of need and fear. In the foreground, one individual is depicted in a pleading posture, on all fours, with an outstretched arm as if begging.

As men in power, Europeans stand freely in the empty spaces, overseeing the groups, often holding a stick and pointing at specific individuals, assuming positions of command. These individuals are sellers and buyers of the enslaved individuals, subjecting them to analysis and checking their condition to ensure they can endure the harsh labor to which they will be assigned. These figures, dressed as Europeans, stand tall, while others are seen observing the scene from their windows, bearing witness to the violence and suffering unfolding before them. The artist himself appears to be drawing from one of these windows above, and he observes: "When the appointed day has come, these poor people, half famished with hunger and thirst, must crawl out of the stables like pigs or sheep, and are led one by one (so that they can be counted the better) to the market, where they are inspected by Portuguese and Dutch merchants at the back and at the front, whether they are young or old, whether they have scurvy, French [disease], or any other serious illness." Wagner continues his short description by mentioning the prices of the negotiations. Slave markets are seldom depicted during the colonial era in Brazil, rendering this drawing a striking testament to the violence and normalization of the transatlantic trade in the country that was the very last to abolish it.

What is particularly noteworthy about its inclusion in an exhibition about travels is the reminder that travel has not always been a matter of choice; forced travel has impacted a significantly larger number of individuals in the history of humanity.

Text by Mabe Bethônico after a conversation with Paul Goodwin as well as with Jane Boddy and Mailena Mallach in the framework of the Stannaki Forum “Captured in Watercolour” at the Kupferstich-Kabinett on 6 September 2023, a format of the cross-collections research department SKD to foster a dialog between art and research on diasporic knowledge.

 

Das Stannaki-Forum

Das Stannaki-Forum ist ein neues Format der sammlungsübergreifenden Forschung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD). Das Forum ist nach Tuski Stannaki benannt. Er war der Sohn des Königs Istowlawleys der Muskogee Gemeinschaft, eines indigenen Volkes ursprünglich im Südosten Nordamerikas. Gemeinsam mit Savase Oke Charnige der indigenen Gemeinschaften der Choctaw wurde Stannaki von dem Briten John Pight versklavt und über Handelsstationen in London, Wien und Breslau 1722/23 an den sächsischen Hof von Augustus II. verschleppt. Das Forum nach Tuskee Stannaki zu benennen, soll sowohl die Präsenz als auch den Einfluss von diasporischem Wissen über mehrere Jahrhunderte und verschiedene Epochen hinweg in Dresden würdigen. Künstler*innen, Historiker*innen, Kurator*innen sowie Theoretiker*innen sind eingeladen, mit Forscher*innen der SKD ins Gespräch zu kommen, um sich aus unterschiedlichen Positionen heraus mit dem Wissen auseinanderzusetzen, das aus den globalen Handels- und Reisewegen von Menschen sowie Materie und Material bis in unsere Gegenwart wirkt. Das Forum erkennt die Objekte der Sammlungen als existierende Wissensformen sowie Archive an und betrachtet sie als Geschichtenerzähler, die eingeschriebene und noch nicht erzählte Narrative transportieren: So berichten sie von Sklaverei, rassifiziertem Kapitalismus, Extraktion und militärischen Missionen sowie von antikolonialer Verweigerung, abolitionistischen Bewegungen, transkontinentaler Ethik und künstlerischem Wissen.

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